Shopping als Hobby

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Shopping als Hobby

Es gab einmal eine Zeit, da waren die Stadtzentren noch Einkaufsstrassen. Kaufhäuser und Fachgeschäfte präsentierten ihre Waren in sorgfältig drapierten Schaufenstern. Der Schaufenster-bummel war eine beliebte Freizeitbeschäftigung – auch nach Ladenschluss. Eine Gelegenheit, sich unverbindlich, auch mit leerem Portemonnaie, über Mode- und andere Trends zu informieren. Einkaufen ging man erst, wenn ein Bedarf und das nötige Kapital vorhanden waren. Heute haben es die Ladenstrassen schwer, sich gegenüber Shoppingmeilen mit Autobahnanschluss zu behaupten. Keine garstige Witterung bremst die Kauflust. Fast Food und Unterhaltungsangebote sorgen dafür, dass weder Hunger noch Langeweile aufkommen.

Diese Entwicklung ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert: «Shopping» ist kein Einkauf zur Beschaffung irgendwelcher benötigter Güter, sondern entsteht aus dem Bedürfnis nach dem (Einkaufs-)Erlebnis. Keine Schaufensterscheibe trennt den Konsumenten mehr vom Laden. Die modernen Geschäfte in den Einkaufszentren sind so etwas wie begehbare Schaufenster. Kaum ein Besucher eines Shoppingcenters wird mit dem Einkaufszettel in der Hand aufkreuzen. Im Gegenteil: Die permanente Verführung ist Teil des Spiels.

Wieso mögen die Menschen Einkaufszentren? Warum gehen sie einkaufen, obschon sie gar nichts brauchen? Wieso bezeichnen so viele junge Leute «Shoppen» als bevorzugte Freizeitbeschäftigung? Einkaufszentren werden nicht als Geschäftsareal, sondern als öffentlicher Raum empfunden. Einkaufszentren sind so etwas wie die Marktplätze und Bazare aus den Anfängen unserer Handelskultur. Strassen waren Aufenthaltsorte und nicht Verkehrswege. Auf grossen Plätzen wurde produziert, gehandelt und lamentiert, nicht parkiert. So gesehen ersetzen Shopping-Malls die abhandengekommenen Räume, die uns früher für unsere sozialen Kontakte und unser Erwerbsleben wichtig waren. Dort zu sein, wo die anderen sind, ist ein starkes menschliches Bedürfnis.

Über die zahlreichen Shoppingcenter zu schimpfen, ist irgendwie zu einfach. Ob diese Konsumtempel in den Agglomerationen ihre Berechtigung haben oder ob der Einkauf im Dorfladen attraktiver und sinnvoller ist, entscheiden die Konsumenten tagtäglich mit ihrem Einkaufsverhalten. Demokratie in Vollendung also. Road Pricing, weniger Parkplätze und höhere Parkgebühren in den

Städten sowie Beschränkungen im Parkplatzangebot in den Shoppingcentern werden das Einkaufs- und Freizeitverhalten der Konsumenten kaum ändern. Wer Quartierläden und Ladenstrassen in den Städten erhalten oder wieder aufleben lassen will, muss den Konsumenten den gewünschten Erlebnis- und Service-Mehrwert anbieten. Marketing statt Restriktionen – wie wäre das?

Fredy Obrecht